Paula Tisenkopfa | 22. September 2021

Paula Tisenkopfa, MADARA Cosmetics

Foto von Maris Locmelis

Liebe Freundinnen und Freunde von MÁDARA,

ich heiße Paula.

Wenn mich Leute fragen, wer ich bin, gerate ich in Verwirrung. So viele Rollen, so viele Erwartungen von der Gesellschaft, so viele Erwartungen von mir selbst. Jemand zu sein. So viele Identitäten, gelernt und geliehen.

Deshalb habe ich beschlossen, mich vor euch als einen Menschen zu präsentieren.

Ja, ich bin ein Mensch. Ich bin ein Mensch, der im Alter von 31 Jahren, vor anderthalb Jahren, die Diagnosis hörte: Brustkrebs. So begann es. Mein Weg zurück zu mir selbst, um mich zum ersten Mal wirklich zu treffen. Um endlich mich selbst und meine eigene Stimme zu hören.

Damals bekam ich den Impuls, dass ich auf jeden Fall etwas mit meinen Haaren machen sollte. Die Chemotherapie war unvermeidlich, und ich hätte sowieso meine Haare verlieren müssen. Warum also nicht das Ganze in ein kleines Abenteuer verwandeln? Innerhalb weniger Tage verabschiedete ich zusammen mit der charmanten Meisterin Aija Ūdentiņa von meinen langen Haaren, durchlebte meine Kindheitshaarschnitte wieder, kehrte zu meinen Erinnerungen zurück und näherte mich allmählich der unvermeidlichen Realität, die mich erwartete.

Self-noises / Foge 1

 

Es ist an der Zeit, Tschüss! zu sagen

 

Unser erstes Kennenlernen, Gespräche über das Aussehen. Aija erzählt von ihrer Beobachtung, dass Menschen oft dazu neigen, wichtige Veränderungen im Leben durch die Veränderung ihrer Frisuren zu begleiten. Haarschnitt – Carré. Carré war mein Haupthaarschnitt beinahe meine ganze Kindheit lang. Diese Wahl ist deswegen eine symbolische Rückkehr zur Kindheit, ein neuer Ausgangspunkt.

Aufgenommen am 27. April 2020.

Es kam mir nicht einmal in den Sinn, dass all dies irgendwann ein wichtiger Teil meiner Therapie werden würde, ein Teil der Art, wie ich diese harte, schmerzhafte und wirklich angstvolle Erfahrung bewältigte. In diesem Stadium meines Lebens, in dem ich nichts mehr kontrollieren konnte, in dem mir nur noch Hoffnung blieb, während ich den Anweisungen des Arztes folgte.

Aber das wäre nicht ich, wenn ich daraus nichts erschaffen würde. Vom ersten Impuls, die Haare zu schneiden, noch bevor sie von alleine herausfallen, bis zur Umsetzung dieses Wunsches durch talentierte und kreative Menschen – aus all dem ist ein soziales Kunstprojekt Self-Noises entstanden, dessen zentrales Ereignis eine gleichnamige Ausstellung in Lettland ist. Aber diese Geschichte erzählt nicht nur von mir. Sie erzählt von uns allen. Auch von dir. Auf der Suche nach deiner Stimme – der Stimme, die sich möglicherweise in den Geräuschen der Welt aufgelöst hat. Wer bist du – du selbst? Hinter allem und jedem?

Wenn es für dich die Gelegenheit ergibt, komm und besuche meine Ausstellung Self-Noises in Riga (24.09–24.10.2021). Du kannst gerne das Projekt auch auf Instagram und Facebook verfolgen, um meine Geschichte kennenzulernen und dir weitere Folgen des Podcasts anzuhören.

Warum teile ich meine Erfahrungen überhaupt mit anderen? Weil ich mich erinnere, wie sehr ich durch die Geschichten von anderen Menschen gestärkt wurde; diese suchte ich, als ich mich in meiner Angst vor der Krankheit alleine fühlte. Ich glaube, dass die Krebserfahrung offen und öffentlich diskutiert werden kann und sollte. Und ich möchte, dass jeder von uns ein wenig näher an sich selbst herankommt und ein authentischeres Selbst und dieses Leben erlebt! Und vielleicht verliebt sich sogar. Verliebt euch in das Leben!

Nehmt kein Beispiel von mir – man muss nicht krank werden, um auf sich selbst zu hören und sich selbst zu erhören.
Bleibt gesund!
Seid ihr selbst!

Herzlich,