Text von Elina Brukle | 13. Oktober 2021

Bei der Einführung unserer langersehnten Mascara hatte unser Team den Mut, etwas Unsicheres zu wagen und die traditionellen Wege der Beauty-Werbung in Frage zu stellen. So wurde der Prozess selbst zu einem kreativen Experiment.

Elīna Brūkle, MADARA Cosmetics

Backstage Fotos von Liene Drazniece

Es ist ein schwüler Juli-Tag, an dem wir uns alle in Maris’ Fotostudio in Agenskalns treffen, einer der stimmungsvollsten Vorstädte Rigas – geschichtlich bedeutsam, etwas sentimental und zugleich ungezähmt. Die Stimmung ist zwanglos und die Temperatur in dem großen Studio angenehm kühl.

Es ist der erste Shooting-Tag für die Deep Matter Kampagne und wir beginnen mit der analogen Fotografie für das maßgebliche Bildmaterial dazu.

LERNE UNSERE MUSE KENNEN
Sie erscheint mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht. Liene Podina, gebürtige Lettin und weltbekanntes Mode-Model, ist das Gesicht von

MÁDARA Organic Makeup seit dessen Einführung im Jahr 2019. Liene hat an der lettischen Kunstakademie Design studiert und setzt ihr Studium nun in Amsterdam in den Bereichen Mode-Branding und Art Direction fort. Sie ist eine liebenswerte, jedoch selbstbewusste Persönlichkeit, die man einfach gern um sich hat.

Aufgrund ihrer etwas eigenen Schönheit begegnete man ihr jahrelang mit Zurückhaltung, aber heute ist sie bei den renommiertesten Fashion Shows und auf den Titelseiten zu sehen. Vor zwei Jahren gehörte Liene im Ranking des VOGUE Magazins zu den sieben strahlendsten Gesichtern, die auf den Laufstegen Haute Couture präsentieren.

Liene Podina. Backstage Fotos von Liene Drazniece

„Ich fühlte mich wie ein kleines Kind. Das war heute eine ungewöhnliche Erfahrung. Spannend und vielleicht wegen des unvorhersehbaren Ergebnisses sogar etwas verstörend.“

– Liene Podina, MÁDARA Muse

DAS NASSPLATTEN-VERFAHREN
Das Nassplatten-Verfahren, auch als Kollodium-Nassplatten-Fotografie bekannt, wurde Mitte des 19. Jahrhunderts erfunden. Das Bild wird dabei auf einer Platte festgehalten, die unmittelbar vor der Aufnahme in der Dunkelkammer in einem Silberbad vorbereitet wird. Nach der Belichtung erfolgt sofort die Entwicklung.

Seit sieben Jahren ist dieses Verfahren eine der beruflichen Leidenschaften von Maris Locmelis.

In der heutigen Welt der unzähligen achtlos aufgenommenen und stark retuschierten, digitalen Aufnahmen hat die analoge Fotografie einen besonderen, ja sogar etwas rebellischen Reiz.

Maris legt eine frisch vorbereitete Platte, die mit einer Mischung verschiedener Chemikalien überzogen ist, in die Kamera ein. Liene sitzt da, schaut genau

in die Linse und versucht, sich nicht zu bewegen.

Zunächst ist die Versuchung, zu plaudern und zu lachen, sehr groß, aber mit der nächsten Aufnahme scheint Liene tiefer in ihre eigene Gedankenwelt zu versinken.

Jedes Foto hält einen Moment fest, in dem sie selbst ihre Haltung bestimmt, ganz auf sich allein gestellt. Wie fühlt sich jemand in diesem Moment? Worüber denkt sie nach und wie fühlt sie sich? Entspannt und frei, weil niemand sonst da ist, oder ganz im Gegenteil – erstarrt in der Absicht, in den Augen des potenziellen Betrachters gut auszusehen? Dies waren die Fragen, die nebenbei aufkamen und auf die wir eine Antwort suchten.

Unsere Gespräche und Lienes persönliche Geschichten wurden zum Drehbuch für unseren Deep Matter Film.

„Es ist so, als würde man die Seele einer Person festhalten.“

– Maris Locmelis, Fotograf

Nach jeder Aufnahme verschwindet Maris in der Dunkelkammer und kommt dann mit einer Platte in der Hand wieder heraus, auf der Lienes Bild langsam zum Vorschein kommt. Das Ergebnis dieses Tages sind 10 Fotos – unnachahmlich und sehr unterschiedlich voneinander.

VOM POSIEREN ZUM (EINFACHEN) SEIN
Unser eigentliches Ziel bestand darin, einen direkten und authentischen Blick festzuhalten, der frei von jeglichem Klischee-Ausdruck und oberflächlichen Emotionen ist und nicht die sozialen Rollen einer Person widerspiegelt. Das Nassplatten-Verfahren schien dafür perfekt geeignet zu sein.

„Was man häufig in der Beauty-Werbung sieht, sind Bilder von bezaubernden Frauen, die versuchen, den Betrachter zu verführen. Wir wollten die eigentlichen Motive für die Verwendung von Mascara oder Make-up im Allgemeinen herausstellen und einen tieferen Einblick bekommen, was Blickkontakt, Erscheinungsbild und Make-up für jeden von uns bedeuten – sowohl professionell, als auch persönlich.“

– Liene Drazniece, MÁDARA Art Director

 

Nassplatten-Fotografie von Maris Locmelis

Wir wollten Werbung und Kunst verschmelzen lassen, die Grenzen verwischen und mit der These brechen, dass Werbung bestimmte Schönheitsprinzipien einhalten muss, um den Betrachter zu faszinieren.

Gibt es so etwas wie einen authentischen Blick? Gut, wahrscheinlich schon. Aber was denkst du?

Die Deep Matter Story

mit Liene Podina

 

Foto/Video: Maris Locmelis | Art Direction: Liene Drazniece | Make-up: Anete Salinieka | Haarstyling: Diana Payton

BACKSTAGE-GESPRÄCHE

Liene Drazniece: Ich habe diese Beobachtung gemacht. Ich habe einen tiefgründigen Blick gesucht, nach etwas Aufrichtigem. Ich hatte dieses legendäre National Geographic Mädchen im Sinn1.

Liene Podina: Ja, das Mädchen mit den grünen Augen.

Liene Drazniece: Du achtest nur auf diese Augen. Sie sagen alles. Du bekommst Gänsehaut. Ich habe bei Frauen nach so einem Blick gesucht. Er ist nicht leicht zu finden.

Liene Podina: Ich denke, es ist die Lebensgeschichte. In ihren Augen war sehr viel Schmerz und es schien, als wäre sie auch nicht glücklich darüber, den Fotografen zu sehen.

– Wie nehmen Menschen miteinander Kontakt auf, ohne ein Wort zu sagen?
– Mit ihren Augen, das ist das Erste.

Liene Podina: Sobald du auf einem Foto festgehalten wirst, machst du dein Gesicht vielen Menschen zugänglich. Und du musst dich der Angst stellen, dass du nicht jedem gefallen wirst. Nicht jeder wird dich hübsch finden. Vielleicht kommen diese Gefühle daher. Du fängst an zu überlegen, wie sollte ich sein?

Liene Drazniece: Das ist eine sehr vertrauliche Sache.

Liene Podina: Ja.

Liene Drazniece: Wie nehmen Menschen miteinander Kontakt auf, ohne überhaupt ein Wort zu sagen? Man wirft einen Blick, versteht etwas und erst dann beginnt man zu sprechen.

Liene Podina: Zuerst mit den Augen.

Liene Drazniece: Sobald man das begreift, ist es tatsächlich nicht so einfach, jedem in die Augen zu schauen. Wenn du nach einem echten Kontakt suchst, ohne etwas vorzutäuschen.

Liene Podina: Diese Erfahrung habe ich mit Patrick gemacht (Fotograf Patrick Demarchelier). Er hat viele Prominente fotografiert und in dem Moment fing ich an zu denken: Wer bin ich vor ihm? Dann habe ich es verstanden – ja, das ist er, und wir machen hier Kunst. Ich bin hier, weil er in mir etwas gesehen hat, weil er wollte, dass ich einfach ich bin. Das war es, was ihn faszinierte. Da rief auch irgendjemand: Wir haben dich gebucht, damit du jungenhaft bist, was machst du da?, aber Patrick flüsterte: Nein, du bist schön, mit dem was du machst, hör nicht auf ihn. Auf wen sollte ich hören? Auf den, der mich durch die Kamera sieht und mir erlaubt, einfach ich selbst zu sein, oder auf den, der will, dass ich etwas vortäusche?

Liene Podina: Zärtlichkeit liegt nicht in meiner Komfortzone. Ich musste erst lernen, dieses Gefühl in meinen Gesichtsausdruck zu bringen. Ich habe das auf einem Foto geschafft – ich weiß nicht, was mein Gesicht macht, aber wenn ich dieses zärtliche, verträumte Gefühl in mir spüre, sieht man das auch auf den Fotos.

Liene Podina: Sobald du auf einem Foto festgehalten wirst, machst du dein Gesicht vielen Menschen zugänglich.

– Liene Podina, MÁDARA Muse

Elina Brukle: Wie sieht es mit der Vorstellung vom wahren Sein, dem echten Selbst aus? Haben wir das nicht einfach nur erfunden? Oder glaubst du, dass es etwas ist, das sich finden lässt?

Liene Podina: Ich denke, es ist einfach da, wenn du lernst, dich selbst so zu lieben, wie du bist. Du kannst morgens aufwachen und dich entscheiden, kein Make-up zu tragen, um damit irgendetwas zu verstecken. Make-up ist dann ein weiterer zusätzlicher Schritt, mit dem du dich noch besser fühlst. Für mich bedeutet ‚echt‘, mit mir selbst im Einklang zu sein. Wenigstens für mich. Wenn ich mich auch an schlechten Tagen nicht mehr selbst kritisiere.

Liene Drazniece

Liene Podina: Brian Molko könnte mit einem Kleid auf der Bühne stehen, all die Haare... Manchmal war man sich nicht sicher – ob Mann oder Frau. Er war jahrelang mein Lieblingskünstler. Ich liebe Dualität.

Liene Drazniece: Wenn wir einmal von Make-up sprechen – was findest du interessant?

Maris Locmelis: Wenn man es nicht wahrnimmt.

Liene Drazniece: Wenn du jemanden kennenlernst – wie nimmst du zu dieser Person Kontakt auf? Wie machst du das als Fotograf?

Maris Locmelis: Um ehrlich zu sein, ich habe nicht die Absicht, etwas über andere Personen herauszufinden. Ich erlaube ihnen, vor der Kamera sie selbst zu sein, ich gebe keine Anweisungen. Natürlich habe ich meinen Ablauf, nach dem ich arbeite, aber ich möchte keine Richtlinien oder Geschichten vorgeben, die die Person in ihrem Ausdruck irgendwie einschränken könnten.

Liene Podina: Ich verwende nur Mascara, wenn ich wirklich sicher bin, dass ich mit meinem Blick kommunizieren will.

Maris Locmelis: Ich würde definitiv eine Frau wahrnehmen, die nur Mascara verwendet oder ihre Augenbrauen nachgezogen hat. Es ist ein Moment, in dem sie sich ganz sich selbst gewidmet hat, um ihren Augen noch mehr Ausdruck zu verleihen. Du merkst einfach, dass sich etwas geändert hat.

Liene Drazniece: Mich interessiert – was wir gerne anschauen, wie wir Menschen wahrnehmen und was das über uns als Gesellschaft aussagt. Es ist häufig sehr schwer, anderen in die Augen zu sehen. Oder einfach nur Blickkontakt aufzunehmen. Wovor haben die Menschen Angst?


1 Afghan Girl von Steve McCurry, Titelblatt der National Geographic im Juni 1985.

 

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