VON LIVA OLINA

Was kommt nach der Naturkosmetik?
Tiefer als Naturkosmetik

Secondhand-Pullover für ein paar Euro in Kombination mit unbezahlbarer Haltung.
Foto: Vika Anisko

Wir leben in spannenden Zeiten, wo die Überproduktion uns mit schwierigen Entscheidungen konfrontiert. Wir werden mit so vielen Dingen überflutet, dass einem bereits beim Versuch, eine Entscheidung zu treffen, schwindlig wird. Und in diesen Augenblicken wird unser Geld unsere Stimme, denn das, was wir kaufen, unterstützen wir auch. Zum Glück haben wir eine Wahl. Eine Wahl, die viel weiter reicht, als nur deine Hautpflege. Heute kann beinahe alles, was wir kaufen, nachhaltig, ethisch oder mit Mehrwert sein. Ich sehe es als ein Spiel, in dem wir schlau sein und die richtigen Entscheidungen treffen müssen, um in den nächsten Level zu kommen. Weil es da draußen eine Menge von Fallen gibt, die nur darauf warten, dass du reinfällst. Jawohl, sie sind da, und sie warten auf dich.

Vor mehr als einem Jahr ließ mein Herz mich nach Paris ziehen. So ist es ja nicht, dass ich nie im Ausland gewesen war, aber ich war in meinem Leben noch nie zuvor von so vielen schönen Dingen umgeben. Das Schaufenster-Shopping wurde schnell DIE Unterhaltung meines städtischen Lebens, aber machte mich auch verzweifelt, weil ich buchstäblich alles wollte. Ich fühlte mich so, als ob die Großstadt mich verschlucken würde, und meine emotionale Verwirrung wurde immer größer. Bis eines Tages knackte etwas in mir, und ich fand für mich eine Karte, einen Kompass, die mir zeigten, wie ich durch diese Zeiten des Konsumismus zu navigieren habe.

Ich war schon immer ein Vintage- und Secondhandfan. Ich liebe Dinge, die eine Seele und eine Geschichte haben. Und ich liebe, alte Kleidung meiner Freunde zu tragen, weil ich dann eine Nähe zu ihnen spüre, selbst wenn wir weit weg von einander sind. Es lässt mich an sie noch mehr als sonst denken, und ich denke gerne an meine Freunde. Da ich zu den Zeiten der Sowjetunion auf dem Lande aufwuchs, wusste ich bereits immer, wie man das Essen stets aus dem eigenen Garten holt. Von einem Mädchen zu einer Frau wurde ich durch das Mádara-Cosmetics-Team erzogen und lernte dadurch noch mehr über die grüne Lebensführung und schlaue alltägliche Entscheidungen. Eine Weile wohnte ich sogar im Dschungel – mit Strom von Solarzellen und mit Wasser, das aus dem Untergrund anhand dieser Solarenergie gepumpt wurde... Voila! Meine Karte war schon immer in meiner Tasche, warum irrte ich mich denn wie eine Verlaufene herum? Es war eine strikte Entscheidung, nur nachhaltige, ethische oder Secondhand- und Vintagekleidung zu kaufen, aber diese Entscheidung breitete sich auf alle Bereiche meines Lebens aus. Was einmal mit Naturkosmetik und intelligenten Modeentscheidungen begann, beeinflusst jetzt alles. Wie es sich herausstellt, gibt es viele Orte in Städten, wo man eigene Flaschen mit Wasser auffüllen kann, um überflüssigen Kunststoffkonsum zu vermeiden, es gibt Schmuck aus recyceltem Gold, das aus alten Technologien gewonnen ist. Es besteht die Möglichkeit, Lebensmittel direkt von Bauern zu kaufen, es gibt eine Tauschbörse für gebrauchte Bücher, und im Zentrum von Paris ist sogar eine Kompoststelle angelegt!

Gestrickter Cardigan von Secondhand für 4 Euro und geborgte Pyjamahose, weil es ein Sonntag war und Sonntage dafür da sind, um sie in einer Pyjamahose zu verbringen.
Foto: Vika Anisko

Außerdem beschloss ich auch für mein berufliches Leben, ob es Schreiben oder Arbeit als Modell ist, nur Marken und Zwecke zu unterstützen, die gut für unsere Zukunft sind. Lustigerweise traf ich immer mehr Gleichgesinnte in meinem Leben, und Projekte ergaben sich. Ich schaffte es bis zur französischen Vogue, indem ich die nachhaltige Kleidungsmarke eines Freundes unterstützte, und glaube mir – ich hätte es sonst niemals geschafft, egal wie engagiert und fleißig ich als Modell gearbeitet hätte. Es scheint, dass recht erstaunliche Dinge geschehen, wenn man dem eigenen Herz folgt.

Ich dachte stets, dass ich näher an die Natur ziehen muss, um nachhaltiger leben zu können. Schließlich waren es aber die Gegensätze der Großstadt, die meine grüne Stimme lauter als je zuvor erklingen ließen. Vielleicht, weil ich hier nicht die schönen Wälder habe, in denen ich mich vor der rauen Realität verstecken kann. Alles spielt direkt vor mir ab – das Chaos, die Hölle und die Ignoranz… Aber wir dürfen sie nicht ignorieren. Wir müssen rausgehen und das Bestmögliche tun. Denn in jedem – und ich betone – in jedem Bereich gibt es Marken und Möglichkeiten, wie man eine bessere Zukunft unterstützen kann, indem wir unseren Fußabdruck auf diesem Planeten möglichst klein halten. Es hört tatsächlich nicht mit Naturkosmetik auf. Also, welche Schritte machst du als Nächste?